Einleitung:
Es gibt Erfahrungen, die uns an einen Punkt führen, an dem sich etwas löst, das wir jahrelang getragen haben, ohne es zu wissen. Diese Aufstellung in der Natur war für mich ein solcher Wendepunkt. Ein Moment zwischen den Welten – zwischen Bindung und Freiheit, Angst und Liebe, Vergangenheit und dem, was vor mir liegt. Ich teile dieses Kapitel, weil es zeigt, wie tief Veränderung gehen kann, wenn wir bereit sind hinzusehen.

I. Die Beziehung – Nähe, Tiefe und Muster

Ich war mit einer Frau zusammen, die mich tief berührt hat. Unsere Beziehung war ein ständiges Auf und Ab – geprägt von Mustern, in denen wir beide feststeckten. Weglaufen. Zurückkommen. Ein ewiges Hin und Her. Und doch war da diese Tiefe zwischen uns – so besonders, so liebevoll –, dass wir uns nie ganz voneinander abwenden konnten.

Sie berührte etwas in mir, das ich selbst nicht verstand. Etwas so Tiefes, dass es mich erschreckte. Und gerade deshalb machte ich es kaputt. Immer wieder.

Auch als wir gerade zusammengezogen waren, wollte ich fliehen. Sie war angekommen. Ich nicht.

Sie spürte, dass ich auf der Flucht war – diesmal mehr ich als sie. Ich konnte nicht ankommen. Sie dachte, ich hätte ein Burnout. Vielleicht ausgelöst durch Stress, Angst, alte Muster.

Sie sagte: „Du brauchst Hilfe.“

Ich wollte das nicht hören. Ich funktioniere. Ich bin hart. Ich bin stark. Dachte ich.

II. Der Weg zur Aufstellung

Sie schlug ein Naturcoaching vor – bei Günter Fellinger. Ich winkte ab. Ich nahm zwar Kontakt auf, aber ließ es liegen.

Ein halbes Jahr später trennten wir uns. Und ich merkte: Das will ich nicht.

Ich erinnerte mich an Günter. Sie schrieb mir: „Schau mal, Günter – ich hatte dir das schon mal gesagt.“

Ich schrieb ihm. Ich erklärte, dass etwas mit mir nicht stimmt. Dass ich eine Frau liebe, die mich berührt – aber ich immer wieder dicht mache und mich abwende.

Er antwortete. Er hätte zufällig in zwei Tagen einen Termin frei. Ich nahm ihn an. Mit Angst. Mit Hoffnung.

III. Der Ort – Natur, Stille, Attersee

Wir trafen uns in Weißenbach am Attersee. Berge. Wasser. Natur. Ein Ort, der mir entspricht.

Günter war locker, offen, ruhig. Wir gingen los. Er erzählte von seiner Arbeit, seiner Haltung.

Dann fragte er: „Warum bist du hier?“

Ich erzählte ihm von uns. Von der Trennung. Von der Tiefe. Von der Angst.

Wir kamen zu einem Bachbett. Klares Wasser. Kies. Wiese. Waldboden. Eine kleine Insel mit einem einzelnen Baum.

Es roch nach Freiheit. Ich konnte atmen.

IV. Die Aufstellung – Das gelöste Versprechen

Günter fragte: „Bist du bereit, etwas Neues auszuprobieren?“

Ich sagte: „Ja. Ich bin hier, weil alles andere nicht funktioniert hat.“

Er bat mich, Kontakt mit meiner Mutter aufzunehmen. Ich fragte sie in Gedanken: „Mama, ist es okay, wenn wir reden?“

Eine warme Prise zog durch mein Gesicht. Ich wusste: Das ist ein Ja.

Ich suchte vier Gegenstände. Blatt. Stein. Holz. Gras. Ich legte sie in einem Kreis.

Dann stellte ich mich über jeden Gegenstand. Angst. Schmerz. Verunsicherung. Schuld. Aber auch Wärme. Liebe. Zorn. Wut.

Ich wusste, wen ich fühlte. Günter nicht.

Dann stellte ich mich über einen bestimmten Gegenstand. Und dann geschah etwas, das ich bis heute nicht erklären kann.

Günter sprach. Aber es war nicht mehr seine Stimme. Es war die Stimme meiner Mutter. Der Ton. Die Wortwahl. Die Energie.

Er sprach Worte, die nur Mama kannte. Ein Gespräch aus dem Krankenhaus. Ein Moment, den niemand kannte – außer Hanni, Mama und mir. Beide sind tot.

Mama sagte: „Löse dich. Und löse mich. Von dem Bund, den wir uns auferlegt haben.“ „Öffne dein Herz. Lebe dein Leben.“ „Ich bin stolz auf dich.“

Ich konnte mich verabschieden. Ich konnte ihr von der Frau erzählen, die ich liebte. Von meiner Tochter. Von meinem Sohn.

Sie sagte: „Was für wundervolle Menschen das sind.“ „Bleib bei dir. Öffne dein Herz.“

Der Baum auf der Insel bewegte sich in alle Richtungen. Der Rest des Waldes war still.

Ich weinte. Zum ersten Mal seit dreißig Jahren.

V. Der Rückweg – Ein neuer Anfang

Wir wuschen uns im fließenden Wasser. Ich gab mir ein neues Versprechen:

Ich öffne mein Herz. Ich lebe mein Leben. Ich vergebe meiner Mutter. Meinem Vater. Ich binde mich nicht mehr.

Auf dem Rückweg redeten wir. Es war leichter. Offener.

Günter sagte: „So tief ist es selten.“

Ich fuhr zu meinen Geschwistern. Ich erzählte ihnen alles. Wir weinten. Zusammen. Offen. Frei.

Es war der erste Schritt zu mir selbst.

VI. Die Erkenntnis – Und der Preis

Erst Monate später verstand ich: Es war ein Trauma. Bindungsangst. Verlustangst. Ich hatte verlernt zu kommunizieren. Ich hatte mich selbst verloren.

Ich konnte diesen Weg nicht mit ihr gehen. Ich sprach nicht mit ihr darüber. Es war der letzte Tropfen. Ich musste mich lösen. Und sie sich auch.

Mein Herz ist immer noch bei ihr. Aber ohne ihre Tiefe wäre ich nie so weit gekommen.

Eine große Liebe. Ein hoher Preis. Ein gelöstes Versprechen.

Ich habe losgelassen – und begonnen, mich zu zeigen.

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